Review in Leipziger Volkszeitung

„Der Vetter aus Dingsda“ feiert grandiose Premiere in Altenburg

Augen- und Ohrenweide: Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ feierte am Sonntagabend seine äußerst gelungene Premiere.

Exotik und Erotik, großes Gefühl und Lachtränen bestimmten die erste Neuproduktion im Theaterzelt, das das Landestheater Altenburg-Gera während der Umbauphase des Theaters bespielt.

„Der Vetter aus Dingsda“ feierte am Sonntagabend seine äußerst gelungene Premiere. Die Operette von Eduard Künneke ist unterlegt mit dem Libretto von Hermann Haller und Rideamus, jedoch für Altenburger Zwecke passend gemacht vom Produktionsteam.

Detailverliebte Bühne und Ausstattung

Die Handlung aus dem Jahr 1921 ist genauso abgedreht, wie die detailverliebte Bühne und Ausstattung von Mathias Rümmler daherkommen: Julia de Weert ist reiche Erbin und Waise, lebt in ihrem Schloss, noch bevormundet von Onkel und Tante: Josef, genannt Josse, und Wilhelmine, genannt Wimpel, Kuhbrot. Die genießen ihr Vormund-Dasein in vollen, verfressenen und versoffenen Zügen, während Dienstmädchen Hannchen Julias einzige Freundin und Vertraute ist.

Und Julia leidet nicht nur unter der buckligen Verwandtschaft: Seit sagenhaften sieben Jahren wartet sie auf Roderich de Weert, ihren geliebten Vetter, der sich nach Batavia aufgemacht hat und ihr davor ewige Treue geschworen hat. Und diesen Treueschwur will sie auch nicht für einen attraktiven Fremden brechen, der auf einmal im Schloss auftaucht und in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Aus diesem naiven, unmündigen und passiven Mädchen eine emanzipierte Frau zu formen, ist ein Kraftakt, der Regisseur und Intendant Kay Kuntze und Dramaturgin Jannike Schulte in der modernen Inszenierung und Sopranistin Anne Preuß mit ihrer zupackenden Julia gelingt.

Anrührender Gesang

Ihr erster Auftritt präsentiert den „Strahlenden Mond“ elegant und mit reifer Nachdenklichkeit in der warmen Stimme und legt mit einer der anrührendsten Stellen des Abends die Gesangslatte sehr hoch. An ihrer Seite steht mit Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Mitglied des Thüringer Opernstudios, ein noch zupackenderes Hannchen, das mit jeder Szene mehr komödiantische Tiefe heraus schürft, noch eine Schippe drauflegt. Gar nicht unterwürfig bedient sie Eva-Maria Wurlitzer als Wimpel und Johannes Becks Josse, sagt ihnen offen ins Gesicht, was sie von den beiden hält: „Onkel und Tante, ja das sind Verwandte, die man am liebsten nur von hinten sieht.“ Guðmundsdóttirs heller, agiler Sopran besticht dabei mit außergewöhnlicher Textverständlichkeit und ihr Spiel nimmt im Laufe des Abends rasant an Fahrt auf, bis sie ihre Mitspieler gegen Ende beinahe komödiantisch aussticht.

Verwirrspiel im Schloss

Und während sich Hannchen und Julia über die kürzlich offiziell gewordene Volljährigkeit des Mündels freuen, fängt das Verwirrspiel an: Ein Fremder taucht im Schloss auf und sieht sich zwei Mädels gegenüber, die ihm einen kleinen Streich spielen wollen. Sie inszenieren sich als gute Geister in einem Märchenschloss und der hungrige Fremde, grandios besetzt mit Benjamin Popson, steigt nur zu gerne darauf ein. Das Märchen nimmt seinen Lauf: Bei Popsons strahlendem Tenor im zum Dahinschmelzen schönen Duett mit Preuß ergibt sich die Liebe auf den ersten Blick wie von selbst. Musikalischer Leiter und Kapellmeister Thomas Wicklein am Pult muss gar nicht viel machen, er wiegt die feinen Streicher nur so ins Gefühl.

Kann ja keiner ahnen, dass der „arme Wandergesell“ eigentlich Josses Neffe August Kuhbrot ist, mit dem die Vormundschaft Julia verkuppeln will –, dann bliebe ja das Vermögen in der Familie. Zwischenzeitlich versucht immer wieder Landratssohn Egon von Wildenhagen, gesungen von Florian Neubauer, sein Glück bei Julia und holt sich einen Korb nach den anderen. Ganz groß dabei als Security-ähnliche Dienerschaft: Hans und Karl, gesungen von Kai Wefer und Ulrich Burdack.

Irgendwo zwischen Blues Brothers und Men in Black bewachen sie das Fräulein, machen gemeinsame Sache mit Hannchen oder helfen mit Romeo-und-Julia-Zitaten aus. Auf Knopfdruck wechseln die beiden zwischen knallhartem Leibwächter und tuntigem, schnapspralinenverliebtem Pärchen, wenn sie das extra ergänzte „Wie sind wir beide vornehm“ aus der Operette „Liselott“ zum Schreien komisch intonieren. Visuell herrlich ergänzt durch die Choreographie von AnnaLisa Canton, die dem Ensemble auf den Leib und in die Beine choreographiert.

Tolles Ensemble

Als Kuhbrot von Julias Schwärmerei zu Roderich erfährt, handelt er kurz entschlossen und gibt sich als ihr Vetter aus, um sie vollends für sich zu gewinnen. Da driftet es ganz kurz ins überaus Dramatische ab, was sowohl Preuß als auch Popson stimmlich wunderbar zu Gesicht steht. Bei „Weißt du noch, wie wir als Kinder gespielt“ können Popson und Preuß endlich ruhiger werden, mehr aussingen und tieferes Gefühl jenseits der Operettenleichtigkeit zulassen, immer gehalten und getrieben vom Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera. Doch die Seligkeit hält nicht lange an: Kuhbrot wird enttarnt, der nächste Fremde taucht auf – und wer ist denn jetzt eigentlich Roderich?

Aber Operette wäre nicht Operette, wenn nicht jeder zu seinem individuellen Happy End finden würde, inklusive dem echten Roderich de Weert, Tenor Gustavo Mordente Eda herrlich exotisch ausstaffiert und in Kombination mit Guðmundsdóttir eine Wucht. Der „Vetter“ steht und fällt mit dem Ensemble und mit dieser Besetzung schlägt er ein wie eine Bombe: Wurlitzers Wimpel betört und verstört als optische Textmarkerexplosion mit ungezügeltem Sexualtrieb, Becks Josse lässt seinen Bariton hungrig brummen, Neubauers Egon hüpft infantil mit Blumen umher und über allem liegen die unzähligen Ohrwürmer Künnekes, die Wicklein am Pult aus den Sängern so zärtlich herauskitzelt und schweben lässt. Gesanglich, tänzerisch und musikalisch eine Augen- und Ohrenweide!

Von Katharina Stork
Leipziger Volkszeitung

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